twitterProfilePhoto_biggerIn unserem Nachbarstaat Österreich brennen die Unis. Nicht dass sie tatsächlich angezündet wurden, aber unter diesem Motto halten die Studenten dort die Hörsäle besetzt. Die ganze Aktion schwappt auch schon nach Deutschland über, an einigen Unis, wie etwa in Münster kam es schon zu Polizeieinsätzen. Viele sind es noch nicht. Wer mal Lust hat allein die deutschen Städte mit Universitäten zu raten, der kann sich mal dieses Quiz anschauen. Dazu kommen noch die Fachhochschulen, Spezialhochschulen oder einzelnen Fakultäten in ganz Deutschland. Dennoch denke ich, dass die Entwicklung die wir gerade erleben, der Anfang von etwas ganz großen sein kann.

Es ist noch gar nicht so lange her, da sprach Altkanzler Kohl, damals schon im Ruhestand, davon wie toll es sei, dass die Meckerer unter den Studenten endlich in den Hintergrund verbannt wurden. Der Grund ist klar, hatte der gute Helmut doch in seiner Amtszeit besonders viel Ärger mit protestierenden Studenten. Aber die Frage die man sich stellen muss ist nicht wieso Kohl es toll findet, sondern wohin denn die Studenten verschwunden sind? Sind die Studenten von damals heute an der Macht und es läuft alles so wie es sein soll? Ein Artikel der die Situation gut schildert fand sich im September auf Zeit online (Lesebefehl!).

Wie es auch schon die Besetzer des Greifswalder Audimax beschreiben: Die Situation der Bildung ist eigentlich fatal. Sie wird nur noch an ihrer Wirtschaftlichkeit gemessen. An den Universitäten gehört das Humboldt’sche Bildungsideal längst zu den Altlasten. Ich habe den Anfang des Bologna-Prozess als Lernender erlebt und stecke jetzt als Lehrender mittendrin. Bei vielen Studenten scheint alles was zählt der schnelle Creditpoint zu sein, am besten noch mit einer einfachen Note. Es geht darum sich auf dem Papier einen möglichst guten Start zu sichern. Die Noten zählen mehr als die eigentlichen Fähigkeiten. Das Sinnbild des strebsamen Studenten, der sich an der Alma Mater aus eigenem Antrieb seinen persönlichen Wissensschatz aneignet zählt nichts mehr.

Damit sind die Universitäten aber nicht allein. Die Bildung an sich hat Krisenjahre hinter sich. Sie galt als spießig und uncool, Leute die sich an Bildung erfreuten wurden in ihrer Schulzeit als Streber diffamiert. Das Fernsehen vermittelt die Möglichkeit ganz ohne Bildung mit einer lustigen Marotte zum Superstar zu werden. Tausende von jungen Menschen strömen zu Massen-Castings in Hoffnung auf ihre 5 Minuten Ruhm. Bildung war out.

Die nahende Krise hat die Situation etwas gewandelt. Der Druck des Arbeitsmarktes nach besser gebildeten Kräften hatte durchaus auch seine positiven Seiten. Ich persönliche finde etwa das Wort „Humankapital“ gar nicht mal so schlecht. Es zeigt, dass Bildung nicht nur dazu da ist, dass man in der Lage ist daheim im stillen Kämmerlein Sudokus und Kreuzworträtsel zu lösen, sondern dass sie einen enorm wertvollen Schatz für die Gesellschaft darstellt. Das Problem dabei ist, dass man eines verstehen muss: Bildung dient nicht dem Kapital, sie IST Kapital. Bildung ist nicht dazu da, schnell menschliches Verschleißmaterial für eine immer schneller drehende Wirtschaft zu erzeugen, sondern dazu da es den Menschen gemeinsam zu ermöglichen die Gesellschaft um sich herum, wozu auch die Wirtschaft zählt, zu gestalten.

Dazu braucht es aber freien Zugang zu Wissen und Bildung für jedermann. Manche wollen es gar nicht, denen kann man wohl auch nicht helfen, aber viele wollen und können nicht. Masterstudienplätze sind rar gesät, Studiengebühren für viele ein Hindernis. Und wer mir jetzt erzählt, es liegt nicht an den Studiengebühren, sollte sich fragen woher die Überlastung der österreichischen Unis gerade kommt. Die Aufnahmeverfahren sind natürlich entsprechend hart, aber hier kann ich auch aus Sicht der Universität sagen: Es ist nun einmal das beste was man machen kann. Wenn es in meiner Entscheidungskompetenz liege würde ich auch handeln wie die Studiengangsverantwortlichen: Lieber denen eine Chance geben, die wirklich von dem Studiengang profitieren können, als denen die aufgrund mangelnden Vorwissens wohl eher frustriert aufgeben.

Und hier will ich auch ein bisschen die Studenten mal den Spiegel vorhalten. Ich habe seit ich „auf der anderen Seite“ bin nämlich irgendwie den Eindruck, dass man es den Studenten nicht recht machen kann. Einerseits heißt es häufig etwa, dass der Praxisbezug fehlt. Lädt man dann einen Praxisreferenten für einen Workshop ein, dann geht aber keiner hin solang es keine Credits dafür gibt. Wenn man wiederum die Grundlagen rausnimmt verschult der ganze Studiengang natürlich zusehends und es hagelt wieder Beschwerden.

In der taz spricht ein Besetzer von einer „Wut-im-Bauch-Aktion“, was heißen soll, dass die meisten Studenten gar nicht wissen was sie eigentlich wollen. Aber hier stell ich die Frage: Wie sollen sie es auch wissen? Die Studenten sind hin und her gerissen, zwischen der eigenen Selbstverwirklichung und den Erwartungen die von außen an sie gestellt werden. In dieser Situation werden sie zum Spielball von Politik, Wirtschaft und auch dem Rest der Gesellschaft. Und deswegen macht ihr genau das richtige, ihr müsst wütend werden. Werdet wütend über eine Regierung die das System total gegen die Wand fährt. Werdet wütend über eine Gesellschaft, die euch zu Konsummasse der Wirtschaft degradiert. Werdet wütend über eine Wirtschaft die euch zur „Generation Praktikum“ macht. Werdet wütend über Hochschulstatute die euch kaum Teilhabe ermöglichen. Werdet wütend über euch selbst, weil ihr euch bisher nicht getraut habt den Mund aufzumachen.

Und zeigt diese Wut. Vor vielen Jahren sind die Studenten auf die Straße gegangen und haben den „Mief von tausend Jahren“ angeprangert. Auch heute muss wieder dieses Gehör her, insbesondere wenn sich die betroffenen trauen den Bologna-Prozess in Frage zu stellen. Es ist Zeit, dass diese unterdrückte Wut zum Vorschein kommt. Als Akademiker und als Politiker will ich hiermit nochmal offiziell meine Solidarität mit den Unibesetzern bekunden. Gebt nicht auf und haltet zusammen. Je mehr ihr werdet, umso weniger kann euch eure Unileitung mit Sanktionen drohen und umso mehr werdet ihr Gehör finden.