Ich finde Wissenschaft und Politik haben sehr viel gemeinsam. Leider ist diese Gemeinsamkeit nicht, dass man sich zuerst durch die Wissenschaft Informationen besorgt und damit dann Politik macht, wie man immer wieder schön in der Netzsperrendebatte sieht. Die Gemeinsamkeiten sind eher in der Struktur der Leute zu suchen, die sie betreiben. So findet man etwa sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik einen Blumenstrauß an Arbeitsmethoden, die nicht selten die Gefahr haben, aneinander vorbei zu arbeiten. Ein anderes Beispiel wurde mir heute etwas unbewusst klar.

Eine Möglichkeit des Arbeitens in der Wissenschaft sind Forschungsworkshops und Tagungen. Dabei trägt jemand seine Erkenntnisse vor und danach kommt es üblicherweise zu einer Diskussionsrunde. Das letzte was du hören willst, wenn du gerade einen Vortrag über Warteschlagenmodelle für Call-Center gegeben hast ist: „Ich habe da ja auch letztens bei der Telekom angerufen…“ Denn sobald die Leute anfangen ihre persönlichen Lebensumstände einzubauen, wird es unsachlich. Noch schlimmer erwischte es eine Kollegin die letztes Jahr auf einer Tagung in Bonn einen Vortrag über ein Modell zur effizienten Eindämmung einer in Südamerika durch Insekten übertragenen Krankheit vorstellte. Da saß ein Herr im Publikum, der aus Brasilien kam und sich total darüber mokiert hat, dass das Modell nur Mist sein kann, weil er ja seit Jahren Leute an der Krankheit sterben sieht und genau weiß wo das Problem ist und die Lösung des Modells dem nicht entspricht. Keine Diskussion über die Anpassung von Parametern, keine Diskussion über modellierungstechnische Fehler, sondern nur Runterreiten seiner persönlichen Erfahrungen..

Warum erinnere ich mich wieder daran? Auslöser war ein kleiner Schlagabtausch auf Twitter, für den ich nochmal etwas ausholen muss. Bei der Diskussion um das Sparpaket der Bundesregierung, kam es auf Twitter immer wieder zu harscher Kritik an der Streichung des Elterngeldes für Hartz-IV-Empfänger. Das ganze verwunderte mich etwas. Mir war von vornherein klar, dass das Elterngeld nie die Intention hatte Hartz-IV-Empfängern die Kinder kriegen mit Sozialleistungen zu versorgen, sondern, wie man an der Staffelung sieht, eher gut verdienende Eltern anreizen sollte Kinder zu kriegen. Wenn die Intention war, alle frisch gebackenen Eltern gleichermaßen zu entlasten, hätte man ja auch einfach das Kindergeld für die Altersgruppe der 0-14 monatigen Kinder erhöhen können.

Unter anderem hatte der Kabarettist Volker Pispers diese Kritik am Elterngeld mit dem Schlagwort „Akademikerinnenwurfprämie“ bekannt gemacht. Die Verwunderung war also, warum auf Twitter das Elterngeld an sich nie in der Kritik war, allerdings jetzt plötzlich die Sparmaßnahme, die sich eigentlich als beinahe logische Schlussfolgerung aus der Intention der Maßnahme ergibt. Also twitterte ich am 8.6.:

Wieso geilen sich plötzlich alle am Elterngeld auf. Zensursulas Akademikerinnenwurfprämie war von Anfang an ein Witz!

Wochen später, um genau zu sein heute, kam eine Antwort vom Twitter-Account  @das_blaettchen (Anscheinend eine Zeitschrift von Künstlern, die sich nebenbei etwas mit Politik beschäftigen, kann ich nicht genau sagen, wie die meisten Wissen kenn ich mich in der Printmedienlandschaft nicht wirklich aus), die auf folgende Antwort zu diesem Tweet verlinkte:

Sie fragen sich, warum sich jetzt alle plötzlich am Elterngeld aufgeilen würden. Zensursulas (Piratenjargon für Ursula von der Leyen, Anm. d. Red.) Akademikerinnenwurfprämie sei von Anfang an ein Witz gewesen. Falls wir mit einer Sachinformation weiterhelfen dürfen: Das Elterngeld wird nur für Hartz-IV-Empfängerinnen gestrichen, nicht für Akademikerinnen. Wobei es natürlich auch Akademikerinnen gibt, die Hartz IV bekommen. Und: Nein, wir möchten lieber nichts über Ihre Kinderstube erfahren.

Ich überlese die Polemik und den persönlichen Angriff an dieser Stelle einfach mal (bin ja auch schon ganz anderes gewohnt ;)) und lese in dieser Aussage primär einmal, dass sich die Autoren des Blättchens wohl nicht so ganz mit dem Thema beschäftigt haben, wie ich.  Also versuche ich (mit leichtem Aufgriff der Polemik), folgenden Satz in 140 Zeichen zu pressen:

Falls ich @das_blaettchen mit Sachinformationen weiterhelfen darf: Das Elterngeld ist eine Akademikerinnenwurfprämie, keine Sozialleistung

Und hier schließt sich der Kreis. Denn das ruft nun meinen geschätzten langjährigen Mitpiraten, Dauerchatpartner und Saufkumpanen Christian Hufgard auf den Plan. Der twittert:

„Das Elterngeld ist eine Akademikerinnenwurfprämie“ sagt @AndiPopp. Geht’s noch ein wenig menschenverachtender?

Nun ist Christian in Piratenkreisen nicht wirklich für seine Sachlichkeit berühmt, aber das war selbst für ihn schon eine sehr knackige Aussage. Noch bevor ich überlegen konnte, warum er so harsch reagiert, fliegt der nächste Tweet rein:

Ich bin übrigens gerade auf Elternzeit und fühle mich deshalb auch persönlich angegriffen. @AndiPopp

Und hier endet unser Lehrstück über persönlichen Bezug und Sachlichkeit. Wie man eine bestimmte Aussage auffasst sagt natürlich sehr viel über einen selbst aus. Aber vielleicht kann man einige Flamewars hier und da damit vermeiden, wenn man zwei Mal überlegt und nachfragt wie etwas gemeint war, wenn man persönlich betroffen ist.