Eine Tradition, der man sich als Vorstand immer wieder stellen muss, ist das Bedürfnis sich seine Erfahrungen mit dem Amt von der Seele zu bloggen. Derzeit habe ich etwas darüber nachgegrübelt, warum sich manche Vorstände von der Basis entfernen oder warum es von letzterer häufig so war genommen wird. Hier sind ein paar unsortierte Gedanken dazu.

Bei den alten Parteien ist es ja keine Seltenheit, dass viele Mitglieder den meisten Vorständen nie die Hand schütteln werden. Das liegt schlicht und ergreifend an der Größe der Organisationen. Selbst wenn eine Person zehn Jahre im Amt ist, müsste sie bei einer Partei von 500 000 Mitgliedern im Schnitt ca. 137 Hände pro Tag schütteln, um in ihrer Amtszeit alle Mitglieder durchzubekommen. Klingt nicht viel, aber dabei sind andere Tätigkeiten, Privatleben und Fluktuation unter den Mitgliedern nicht berücksichtigt. Selbst in unserer noch recht kleinen und jungen Partei ist die Zahl nicht viel besser, nimmt man die bisher maximale vierjährige Amtszeit, so kommt man auf etwa 9 pro Tag.

Nun relativiert sich diese Zahl allerdings recht schnell, da das Gros der Mitglieder inaktiv ist und gar keine Hände schütteln will. Und bei uns wollen das nicht mal die aktiven. Die wollen allerdings, dass man ihnen zuhört. Und hier kommen wir ins erste Dilemma. Verstehe ich mich jetzt selbst als Vorstand aller Piraten oder nur derjenigen die sich artikulieren?

Da ich die Meinung des Gros der Leute nicht erfassen kann, müsste ich mich streng nach meinem Gewissen richten um erstes Ziel zu erfüllen. Dies würde allerdings als Basisferne interpretiert. Für die zweite Lösung müsste ich die eingehende Kommunikation von Parteimitgliedern bewerten, aber dann würde derjenige gewinnen der am lautesten schreit und mir würde zurecht vorgeworfen, ich würde mich von den Trollen rumschubsen lassen. Das faszinierende ist übrigens, dass von allen Schreihälsen die meisten sagen, die andern sind die Trolle.

Die beiden Randlösungen sind denkbar schlecht. Ich muss mich also irgendwo in der Mitte ausrichten. Das führt allerdings dazu, dass ich meistens zwischen zwei oder drei Stühlen sitze, gerade wegen der „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“-Mentalität vieler Piraten. Ein gutes Beispiel ist die Atomdemo-PM, die habe ich mitgetragen aber kritisiert. Jetzt wird mir von den Gegnern dieser PM vorgeworfen, ich hätte sie nicht mittragen dürfen, aber von den Befürwortern, ich hätte sie nicht kritisieren dürfen.

Ein Pirat sagte mir mal, dass es an der für Newsgroups typischen Verhaltensweise liegt, andere Meinungen als Angriff zu sehen. Ich glaube aber, dass es solches Denken auch in ganz analogen, alten Parteien gibt. Der Newsgroup-Vergleich trifft eher dahingehend zu, dass es Piraten gibt, die keine direkte Kommunikation wollen.

Ein gutes Beispiel dafür, ist das letzte Politikforum. Dort habe ich kritisiert, dass es am Politikforum wohl kein Interesse gibt. Da meine Kapazität am Anschlag ist, empfand ich das als Problem. Dies wurde mir übrigens von vielen Piraten sehr angekreidet, derzeit scheint es in der Partei nicht breit bewusst bewusst zu sein, dass auch der Vorstand nur ein Ehrenamt neben einer Vollzeittätigkeit ausführt. Nach dem eigentlichen Teil, war ich, übrigens als letzter BuVo, noch bis 0:15 im Mumble um ansprechbar zu sein, während wir in allgemeine politische Diskussion abdrifteten.

Soweit so normal. In dieser Zeit nahmen gerade mal drei Leute neben mir an der Diskussion teil. Faszinierend war allerdings der Effekt am nächsten Morgen: 12 Twitter-Replies, 3 E-Mails und zwei Jabber-Nachrichten (mit Referenz auf Twitter bzw. Gerüchten) über Reaktionen auf das Politikforum. Darunter Kritik am von mir im allgemeinen Palaver Gesagten, Behauptungen ich hätte das Politikforum abschaffen wollen oder schlicht und ergreifend nur offene und meiner Meinung nach ziemlich bemitleidenswerte Beleidigungen. Die direkte Kommunikation im extra dafür vorgesehenen Politikforum, hat niemand davon gesucht.

Natürlich bin ich jetzt in einer vergleichsweise exponierten Position, aber genau das sorgt für eine gewisse Chancenungleichheit. Wenn ich jetzt alle Leute, die mich angreifen,genau so offen exponieren würde, indem ich z.B. hier eine Kategorie „Troll der Woche“ oder so aufmachen würde, dann würde es – zu Recht – Kritik hageln. Der Effekt ist stattdessen, dass man sich aus den entsprechenden Medien zurückzieht.

Das erste was ich als BuVo gemacht habe, war Mailinglisten abzubestellen, primär weil diese totale Zeitvernichter sind. Der Nebeneffekt war natürlich, sich vor Anfeindungen abzuschotten. Derzeit verlagern sich diese Anfeindungen zusehends auf andere Medien, wie etwa Twitter. Jetzt habe ich ein vergleichsweise dickes Fell, ich halte das Geflame aus. Es gibt aber einen Nebeneffekt, dem keiner von uns auskommt, nämlich den Konditionierungseffekt. Ich werde als Vorstand für meine Teilnahme auf einem Medium dadurch bestraft, dass ich dort unsachliche Anfeindungen erfahre, also verbinde ich unterbewusst ein schlechtes Gefühl mit diesem. Wenn ihr euch also fragt, warum Jens Seipenbusch so wenig twittert, schaut mal nach, was dem dort alles an den Kopf geworfen wird. Dies bedeutet nicht, dass man davon jetzt besonders betroffen wird, aber man beginnt das Medium unterbewusst zu meiden.

Das Traurige daran ist, dass man nicht nur dem Medium gegenüber voreingenommen wird, sondern auch der Person. Die meisten Leute sind im realen Leben problemlos in der Lage ein völlig normales Gespräch zu führen, ohne den Gegenüber zu beleidigen. Man geht allerdings vollkommen anders rein, wenn man mit dem Gegenüber Anfeindungen in Verbindung bringt. Dies sorgt dafür, dass wir das Misstrauen, dass eigentlich unserem politischen Gegner gelten sollte, nach innen projizieren und da gehört es einfach nicht hin.