Die Sache mit dem Schaffen von Wissen und Kultur ist ja nicht besonders neu. Lange bevor ein Urheberrecht, wie wir es heute kennen, etabliert war und lange bevor Kultur kommerzialisiert wurde, gingen ganze Völker durch kulturelle Blütezeiten. Doch wie das? Erklären uns doch Musiklobbyisten und Radiergummipolitiker, dass nur das System der späten Nachkriegszeit Kulturschaffen ermöglicht. Werfen wir einen Blick zurück in die Hochzeit der deutschen Literatur, zu Goethe um genau zu sein. Der berühmte Faust weigert sich zwar beharrlich, sich in eine Literaturepoche einordnen zu lassen, aber er gibt uns einen kleinen Einblick darin, wie Goethe die Urheberschaft und ihre Motivation sieht.

Das Ziel unserer Analysen ist der zweite Rahmen der Werkes, auch bekannt als das Vorspiel auf dem Theater. Keine Angst, dies wird kein Lektürekurs. Die meisten durften sich das Ganze wohl sowieso in der Schule antun und der ein oder andere wird vielleicht beflügelt den Text jetzt mal kurz zu analysieren, aber für alle anderen will ich das Ganze in einer verkürzten und beinahe schon unwürdigen Weise zusammenfassen.

Auf dem Theater treffen sich vor der Aufführung drei Personen: Der Direktor, der Dichter und die Lustige Person (der Schauspieler). Die drei unterhalten sich über ihr Vorhaben (das Theaterstück) und es wird offenbar, dass sie unterschiedliche Interessen haben. Der Direktor will ein volles Haus und klingelnde Kassen, der Dichter möchte eine Botschaft verbreiten, die am besten noch bis in die Nachwelt reicht, die lustige Person hingegen will die Menge unterhalten und dafür am besten noch viel Anerkennung und Applaus erhalten.

Wie übertragen wir diese drei Figuren nun in die Gegenwart? Natürlich könnte man sagen, der Direktor ist der Verwerter, der Dichter der Urheber und der Schauspieler der ausübende Künstler. Doch das wäre zu kurz gegriffen. Diese Rollen sind im modernen Kulturmarkt nur schwer abgrenzbar. Eine Plattenfirma ist z.B. zwar vorrangig Verwerter, nimmt aber auch Aufgaben des Urhebers und ausübenden Künstlers wahr (z.B. als Musikproduzent). Dies führt regelmäßig zu Verwirrungen bei Diskussion, weil viele die Körperschaften und die Rollen in der Wertschöpfungskette nicht auseinander halten können.

Versuchen wir also einen anderen Ansatz. Verschmelzen wir die Rollen und bezeichnen sowohl den Direktor, als auch den Dichter und den Schauspieler als Urheber. Dann unterscheiden sie sich eigentlich nur noch in den oben aufgeführten Motivationen. Jeder der drei wird eine Art Archetyp eines Urhebers, d.h. in jedem Urheber steckt ein bisschen von jedem der drei in unterschiedlicher Ausprägung.

Das Problem an der Radiergummipolitik ist nun, dass sie jeden Urheber nur in der Rolle des Direktors sieht, um genau zu sein in der eines Direktors, der ums Verrecken sein Theater nicht umbauen will. Wenn man sich nun aber die verschiedenen Motivationen, die man aus dem Faust herauslesen kann, ansieht, so ist das Horrorszenario einer kulturellen Degeneration ohne den Erhalt der alten Verwertungsstrukturen schon seit mehreren hundert Jahren nicht tragbar. Sicher heißt das nicht, dass man den Direktoren dieser Welt nicht mit Rat und Tat zur Seite stehen kann, wenn sie aus ihrem Theater ein Kino bauen wollen. Aber Lobbyisten wie Gorny und Co, die sich vor die vermeintlich armen Dichter werfen, nur um damit die Interessen der Industrie zu schützen, gehören schon länger zum alten Eisen, als es Goethe tun wird.