Anonymous ist ein Konzept, welches dem deutschen Journalismus immer wieder den Spiegel vorhält, wie wenig sie eigentlich wissen, wovon sie schreiben. Aber man muss durchaus zugeben, auch unter den erfahrensten Netizens herrscht wohl nicht so richtig Einigkeit, was Anonymous eigentlich ist. Worüber man sich sehr wohl im Klaren ist, ist was Anonymous nicht ist: eine Hackergruppe. Wie wenig die Medien hier in der Lage sind zu differenzieren, zeigt sich an einem aktuellen Beispiel. Das FBI nahm jetzt in den USA 16 Anons fest, die sich im Zuge der Operation Payback an DDoS-Attacken auf Paypal beteiligt haben sollen. Die deutschen Medien bezeichnen Anonymous durch die Bank als Hacker-Gruppe (wohl auf einer Agenturmeldung basierend). SPON geht sogar soweit die Aktion als Schlag gegen Anonymous zu betiteln. Aus diesem Grund wird es Zeit hier ein paar Sachen richtig zu stellen.

1. Anonymous ist keine Gruppe

In den Köpfen der meisten Leute spukt noch immer das Bild herum, Anonymous wäre irgendeine Gruppe, wie etwa der CCC oder die Piratenpartei nur halt ziemlich lose organisiert. Ich halte den Begriff »lose organisiert« für vollkommen verfehlt. Anonymous ist gar nicht organisiert.

Allein der Begriff Gruppe passt nicht im Geringsten auf Anonymous. Es ist vielmehr ein völlig anderes Prinzip. Um dieses etwas genauer zu erläutern, nehmen wir einfach mal an, alle Menschen auf der Welt hießen Bernd[1], würden genau gleich aussehen und wären auch ansonsten nicht zu unterscheiden. Auf diese Weise kommt es zur Anonymisierung dieser Menschen, selbst wenn es nicht alle Menschen, sondern nur eine entsprechend große Menge wäre. Das muss allerdings noch gar nicht heißen, dass die Individuen dieser Menge (Kollektiv) irgendetwas miteinander zu tun haben.

Vergleichbar ist das Konzept mit dem biblischen Dämon Legion, der auch aus vielen Dämonen besteht, die aber als Individuen nicht erkennbar sind. Es gibt nur Legion. Entsprechend gibt es auch keine „Mitglieder von Bernd“, sondern – wenn überhaupt – die Bernds. Entsprechend macht das Kollektiv Bernd übrigens keine Aktionen und stellt keine Videos ins Netz, sondern »irgendwelche Bernds« machen das. Die Bezeichnung »eine Aktion von Bernd« könnte also genauso heißen »eine Aktion von irgendwem«.

Der einzige Unterschied zu Anonymous ist jetzt, dass der Name nicht Bernd sondern eben Anonymous ist und dass man sich willentlich dazu entscheidet dem Kollektiv anzugehören. Das was die Anons[2] – wenn überhaupt – verbindet, ist der Wunsch nach einem freien Internet bzw. einer freien digitalen Gesellschaft (verbunden mit einer relativ radikalen Vorstellung von selbiger) und die Bereitschaft sich dafür aktiv einzusetzen. Oder vielleicht, dass alle in ihrer Langeweile für irgendwelche viralen Ideen anfällig sind, wer weiß.

2. Anonymous sind keine Hacker

Ohne an dieser Stelle auf die komplexen Feinheiten und Kontroversen bei der Definition des Begriffs »Hacker« einzugehen, gibt es eine Eigenschaft, die das Hacken recht klar ausmacht. Man beschäftigt sich mit den Strukturen eines Systems und versucht diese durch technisches Wissen zu manipulieren. Sicher gibt es auch Anons, die dem Hacken oder gar dem Cracken nachgehen. Manche machen das eben unter der Anonymous-Identität. Entsprechend tauchen auch Produkte verschiedenster Hacks – etwa erbeutete Datensätze – unter dieser Identität auf.

Das ist aber nicht die Methode, die zum Markenzeichen von Anonymous geworden ist, sondern die sog. „Distributed Denial of Service Attack“ (DDoS Attack), um die es auch im vorliegenden Fall geht. Dabei ist Anonymous das beste Beispiel, wie dieses Instrument als politisches Protest-Statement benutzt wird. Sicher ist diese Methode diskussionswürdig, aber eine Adresse in ein Tool einzugeben und einen Button zu klicken, mit dem Ziel eine Webseite unerreichbar zu machen, ist sicher alles andere als Hacken.

Fazit
Anonymous sind keine Hacker, Anonymous ist keine Gruppe, ergo ist Anonymous keine Hackergruppe. Bitte notieren, liebe Presse.


  • [1] pun intended
  • [2] kurz für „Anonymous“