Dies ist ein loser von Emotion und Affekt getriebener Gedankengang und keine sachliche Analyse. Ich bitte das beim Lesen zu berücksichtigen.

Das war ein Wochenende wie ich es schon lange nicht mehr hatte. Eingegraben vor meiner XBox 360 habe ich ununterbrochen dran gesessen, die meiner Meinung nach beste Spielserie dieser Konsolengeneration zum Abschluss zu bringen. Die Rede ist von Mass Effect 3. Aber keine Angst liebe Nichtgamer, ich werde jetzt nicht pausenlos über die Inhalte des Spiels schreiben, sondern möchte einen Gedanken ausführen, der in einer eher philosophischen Urheberrechtsfrage münden wird. Also klickt bitte nicht gleich weg, wenn ich das Erlebnis eingangs kurz zusammenfasse.

Nach 36 Stunden Spielzeit am Wochenende, in der mich das Spiel einfach nicht losgelassen hat, sparte ich mir die letzte Mission für montag abend auf. Und langer Rede kurzer Sinn: Das Ende war enttäuschend. Zuerst dachte ich, ich hätte einfach nur ein weniger gutes Ende erwischt, aber eine kurze Recherche im Netz zeigte, dass alle im wesentlichen gleich sind. Das macht die Spiele nicht schlecht, aber das Fehlen eines passenden Finales ist wie Auto mit wahnsinnig beeindruckender Vollausstattung, aber ohne Räder.

Im Zuge der Webrecherche zeigte sich schnell: Ich bin nicht allein. Vielen anderen Fans der Serie geht es genauso, einige fordern gar ein neues Ende. Und hier kommt es zwischen den Fans zu Diskussionen, in denen einige anführen, dass man als Fan nicht das Recht hätte solche Forderungen zu stellen. Immerhin ist es die kreative Arbeit der Autoren, die hätten das zu entscheiden. Ist das wirklich so?

Und hier spannt sich die Parallele zum Urheberrecht. Eine der Grundlagen des Urheberrechts ist die Idee der Urheberpersönlichkeit. Das heißt, dass man davon ausgeht ein Werk sei Ausdruck der Persönlichkeit des Urhebers und damit untrennbar mit diesem und vor allem nur mit diesem verbunden. Deswegen bekommt er besondere Rechte am Werk. In eine ähnliche Richtung geht die Kritik an der Mass-Effect-Fan-Initiative.

Und dennoch ist ein Phänomen wie wir es bei Mass Effect sehen nicht neu. Viele erfolgreiche Serien (»Franchises« wenn man den Begriff benutzen will) mit einer treuen, bisweilen FANatischen Anhängerschaft, kennen ähnliche Phänomene. Für die Fans von Star Wars ist sicher »Han shot first« ein Begriff. Ein noch besseres Parallelbeispiel ist die Anime-Serie »Neon Genesis Evangelion«, in welche der Frust der Fans über das enttäuschende Ende tatsächlich dazu geführt hat, dass ein Kinofilm mit einem alternativen Finale gemacht wurde.

In all diesen Fällen haben wir Serien, welche die Fans in einem besonderen Maße mitreißen. Es handelt sich nicht um einen flachen Vorabendkrimi, den man zur Abendzerstreuung einschaltet, sondern um komplexe Geschichten, die vom Leser/Zuschauer/Spieler ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit und Aufwand erfordern. Und dieser Aufwand führt dazu, dass man das Werk als Teil der eigenen Persönlichkeit adaptiert. Zeigt sich hier nicht die Essenz des Kunstschaffens?

Seien wir mal ehrlich. Die Musik-, Film-, Text- und Programmdateien, die das Urheberrecht schützt sind erst mal nichts anderes als Ketten von Nullen und Einsen und damit große Zahlen. Häufig schon habe ich mir die Frage gestellt, was genau jetzt eine MP3-Datei mit einem Song von Michael Jackson von beliebigen anderen solcher großer Zahlen unterscheidet. Ich glaube ich kann es jetzt beantworten: Es ist das Publikum. Es sind die Menschen in denen genau diese Zahl, wenn man sie von einem MP3-Player interpretieren lässt, Reaktionen auslösen.

Wir sehen dieses Phänomen schon lange in der bildenden Kunst. Ein auf eine Leinwand geworfener Luftballon mit Farbe macht noch keine Kunst, die Tatsache, dass sich Leute darüber Gedanken machen schon. Lasst es mich mal provokant ausdrücken: Ein Künstler ohne Publikum schafft nichts besseres als ein Affe mit einer Schreibmaschine.

Ich glaube wir müssen weg kommen von der Idee, dass Werke zu schaffen ein einseitiger Prozess ist. Es ist immer ein Zusammenspiel von Urheber und Publikum. Und man muss die Interessen des Publikums damit mindestens genauso ernst nehmen wie die des Urhebers. Man könnte sagen, es gibt nicht nur eine Urheberpersönlichkeit sondern auch eine Rezipenten- oder Fanpersönlichkeit. Diese Rezipentenpersönlichkeit treffen wir in besonders hohem Umfang bei solchen Werken an, die viel Einsatz vom Publikum verlangen. Die Bezeichnung solcher Werke als »Kult« halte ich für sehr treffend. Aber auch das Konzept des Prosumers, geht in diese Richtung.

Was unser Motivationsbeispiel »Mass Effect« hier besonders herausstellt, ist die Tatsache, dass die Spielereihe ganz besonders darauf setzt, den Spieler einzubinden. Er hat eine noch nie dagewesene Bandbreite verschiedener Entscheidungsmöglichkeiten, die über alle drei Teile (der erste erschien vor 5 Jahren) hinweg unterschiedlichen Einfluss auf die Entwicklung der Geschichte nehmen. Dank des Phänomens der kombinatorischen Explosion dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Spieler exakt den gleichen Verlauf an Entscheidungen hinter sich haben ziemlich gering sein.

Ist es dann da wirklich so abwegig, dass ich mich betrogen fühle, wenn diese Entscheidungen auf das eigentliche Ende keinen Sinn haben und dieses Ende obendrein erzählerisch einfach schlecht gemacht ist? Muss ich mich als Spieler mit der Konsumentenrolle abfinden und das »friss oder stirb« der Autoren hinnehmen? Muss ich den Frust den es bei mir auslöst einfach herunter schlucken? Oder bin ich einfach nur ein verrückter Freak, weil das Ende eines Videospiels bei mir überhaupt einen solchen Frust auslöst, dass ich zwei DIN-A4-Seiten Text darüber verfasse?