Da hat es im Wahlkampf doch noch mal eine echte Debatte auf die Facebook-Fanpage der Piraten gespült. Es  geht um die gute alte Homöopathie und was wir Piraten davon halten. Auslöser der Debatte war ein Interview des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte mit Julitschka, der Sprecherin der AG Gesundheit. Seitdem tobt die Debatte wild durcheinander und ich habe den Eindruck mich schon so oft wiederholt zu haben, dass ich hier mal versuche unser Wahlprogramm bezüglich der Homöopathiefrage einer umfangreichen Interpretation zu unterziehen. Diese Interpretation ist meine ganz persönliche, offizielle Beschlusslage ist nur der genaue Wortlaut des Wahlprogramms.

Über was sprechen wir

In dieser Debatte und damit in diesem Blogpost geht es um Homöopathie. Es geht nicht um »Naturheilkunde« oder »Heilpraktiker«[1] es geht um Präparate, die nach Grundlagen der Homöopathie erstellt wurden. Darunter verstehen wir Präparate, deren Wirkstoff nach Simile-Prinzip (»Gleiches heilt gleiches«) ausgewählt wurde und deren Wirkstoff durch sogenannte Potenzierung in einem Lösungsmittel (meist Wasser) sehr stark verdünnt wurde, häufig so dünn, dass die Lösung effektiv kein Molekül des Wirkstoffs mehr enthält.

Wir sprechen uns ins unserem Programm grundsätzlich für die evidenzbasierte Medizin aus, das heißt Medizin, deren Wirksamkeit in belastbaren wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen wurde. Unter belastbar verstehe ich alle wissenschaftlichen Untersuchungen deren Studiendesign wissenschaftlichen Standards entsprechen und deren Ergebnisse reproduzierbar sind. Sie müssen fachlich fundierter Kritik standhalten können. Explizit kein belastbarer Nachweis sind persönliche Erfahrungswerte, weil die Rahmenbedingungen in diesen Einzelberichten unkontrolliert sind und man im Falle einer Heilwirkung nicht darauf schließen kann, ob diese wirklich durch das Präparat verursacht wurde.

Eine medizinische Wirkung von homöopathischen Präparaten konnte nach umfangreicher wissenschaftlicher Untersuchung nicht nachgewiesen werden. Auch gibt es weder belastbare Anhaltspunkte für die Hypothese Wasser würde die Information des Wirkstoffs speichern, noch dafür dass eine solche Information Wirkungen im menschlichen Körper entfaltet. Das ist der Stand der Forschung, nachdem alle derzeit zur Homöopathie aufgestellten Hypothesen untersucht wurden. Homöopathie-Befürworter fordern zwar immer wieder neue Studien, aber Wissenschaft funktioniert leider nicht so, dass man nur lange genug untersuchen muss um irgendwann das Ergebnis zu bekommen, das man sich wünscht.

Wollen wir Homöopathie verbieten?

Was ein mündiger Mensch in seinen Körper steckt ist dessen alleinige Entscheidung, egal ob Gemüse, Alkohol, Tabakrauch, homöopathische Präparate oder – wenn es nach den Piraten geht – Haschkekse. Wer bin ich Leuten verbieten zu wollen Globulis zu schlucken? Auch die Homöopathen dürfen gerne weiter praktizieren. Wenn sich jemand nach einem Besuch beim Homöopathen besser fühlt (die Patientengespräche haben im Gegensatz zu den Präparaten ja auch tatsächlich das Potential eine psychotherapeutische Wirkung zu haben), soll er da so oft hingehen, wie er möchte. Dies alles sind Elemente der privaten Lebensgestaltung und damit persönliche Entscheidungen und keine politischen.

Warum dann überhaupt die ganze Diskussion?

Es gibt im Gesundheitswesen aber auch politische Entscheidungen. Eine der bekanntesten dürfte wohl sein, welche Leistungen durch die gesetzliche Krankenkasse getragen werden. Der Staat zwingt viele Menschen per Gesetz dazu in diese Krankenkasse einzuzahlen (ähnlich wie bei Steuern) und deswegen hat die Politik die Pflicht mit diesem Geld verantwortungsvoll umzugehen. Das ermöglicht es leider nicht, dass man jedem Menschen einfach jede Behandlung finanziert, die er für sich für gut empfindet. Das wäre zwar schön, aber das Geld der Krankenkassen ist begrenzt und wenn man einfach alles bezahlt, dann öffnet man da die Schleusentore für allerlei Geschäftemacher und Beutelschneider.

Aus diesem Grund brauchen wir objektive Kriterien, an denen wir diese Behandlungsmethoden messen können. Wirksamkeit ist dabei das wichtigste Kriterium und deswegen sollte es für eine Bezahlung aus der Krankenkassen notwendig (nicht unbedingt hinreichend) sein, dass der Nachweis dieser Wirksamkeit über einen doppelt blinden, randomisierten, placebokontrollierten klinischen Test erfolgt. Diese Methodik ist natürlich keine Superwaffe, aber sie kann unabhängig davon wie eine Behandlung wirkt feststellen ob sie wirkt bzw. ob die Wirkung reproduzierbar ist und ob sich diese Wirkung vom Placebo-Effekt unterscheidet. Sie ist damit die objektivste Methodik, die uns derzeit zur Verfügung steht.

Ein Vorschlag der an dieser Stelle häufig aufkommt ist, auch Präparate, die nur einen Placebo-Effekt auslösen, zu bezahlen, weil der Placebo-Effekt ja heilende Wirkung hat. Das Problem dabei ist, dass alles einen Placebo-Effekt auslösen kann, wenn der Patient nur daran glaubt. Und das käme im Wesentlichen wieder der Situation gleich, alle Präparate zuzulassen. Wenn man Placebos in der Medizin einsetzen will, sollte man sich daher ausschließlich auf die günstigste Variante beschränken und das sind echte Placebos.

Völlig unberührt davon bleibt die Möglichkeit weiterhin Homöopathie auf eigene Rechnung bzw. über eine private Zusatzversicherung zu nutzen.

tl;dr

Leben und leben lassen ist ein guter Grundsatz, auch bei der Diskussion um Homöopathie. Wenn es aber um politische Entscheidungen im Gesundheitswesen geht, muss die Politik objektive Maßstäbe ansetzen und diese erhält man nur mit evidenzbasierter Medizin.


[1] Es kursiert noch der Blogpost von Julitschka mit der Überschrift »Heilpraktiker verbieten?«, der ist aber einen Monat alt und hat keinen direkten Bezug zum oben verlinkten Interview. Ersterer ist ein privater Post, das Interview zur Homöopathie spiegel die Parteimeinung wider.