Wie einige bereits wissen, mache ich eine politische Pause um endlich meine Dissertation fertig zu stellen. Doch aus aktuellem Anlass kribbelt es mir in den Fingern etwas auf diesem Blog zu posten. Dieser Anlasse sind die „neuen“ Montagsdemonstrationen. Folgt man der Berichterstattung so tummeln sich dort allerhand Verschwörungstheoretiker, auch diejenigen mit neurechtem Anstrich, wie etwa Zins- und Fed-Kritiker. Unter diesen Verschwörungstheoretikern sind auch rhetorische Schwergewichte wie mein Namensvetter und Ken Jebsen (dessen Youtube-Videos ich selbst gerne anhörte, bis ich von seiner Historie erfuhr). Eine ihrer Botschaften ist die Kritik an den »gleichgeschalteten« Medien, deren Kommentarspalten wohl auch Ziel einer konzertierten Aktion sind. Und um die geht es mir in diesem Blogpost.

Ich kann – bei aller Ablehnung seltsamer Verschwörungstheoretiker – die Kritik an den Medien nämlich durchaus nachvollziehen. Eine Erfahrung, die ich während meiner politischen Aktivität (auch schon vor den Piraten) machen musste ist, wie weit Realität und Medienberichterstattung (heute?) auseinander driften und wie ohnmächtig man selbst davor steht.  Ein kleine Anekdote dazu: Der 2012er Bundesparteitag in Bochum war für mich einer der produktivsten Parteitage, die es bei den Piraten je gab, dank umfangreicher inhaltlicher Diskussionen, die schließlich auch in nicht wenigen Programmbeschlüssen gipfelten. Als ich am Montag darauf ins Büro kam, war das erste, das ich von einem Kollegen zu hören bekam: »Der Parteitag war ja wohl nicht so toll.« Ich fiel aus allen Wolken. Der Grund war recht simpel: Er hat sich die Berichterstattung auf Spiegel Online durchgelesen und die war durch die Bank negativ.

Denn es ist (heute?) längst nicht so, dass Berichterstattung der journalistischen Ethik folgt, nach der Journalisten die Fakten berichten und sich der Hörer/Leser/Zuschauer auf Basis dieser Fakten selbst eine Meinung bildet. Berichterstattung ist immer mit einer subtilen Wertung versehen, »gefärbt« wenn man so will. Das merkt man meist schon an den Überschriften. Man kann einen Artikel über den vorher genannten Parteitag überschreiben mit »Zäher stundenlanger Streit über einzelne Worte und Kommas« oder »Nur bei den Piraten: Politische Debatten statt politisches Theater« oder einfach nur »Piraten erweitern Grundsatzprogramm um Renten-, Wirtschafts- und Außenpolitik«. Alle drei Überschriften beschreiben das selbe Ereignis, nur einmal negativ, einmal positiv und einmal neutral gefärbt.

Die negative Erfahrung, die ich mit den Medien gemacht habe, war, dass man völlig unabhängig was man tut oder wie man es tut, vollkommen ohnmächtig gegen gefärbte Medienberichterstattung ist. Aus meiner Sicht konnte man sehen, wie die positiv gefärbte Medienberichterstattung die Piraten Anfang 2012 auf zweistellige Umfragewerte hob, nur um zu sehen wie die negativ gefärbte sie auf 2% drückte. Weder die überpositive, noch die übernegative Berichterstattung war meiner Meinung nach gerechtfertigt, aber sie passt ins mediale Drama. Und man konnte die Änderung der Färbung in der Berichterstattung über die Zeit hinweg sehen.

Auch hier als kleine Anekdote der Fall Birgit Rydlewski. Birgit hatte sich als MdL im November 2012 auf Twitter über ausufernde, langweilige Plenarsitzungen beschwert. Jeder Politiker weiß, dass Plenarsitzungen langweilig sind und nichts an politischen Entscheidungen ändern. Längst ist alles in den Ausschüssen entschieden, Plenarsitzungen sind nur noch Theater, wo sich alle Fraktionen noch mal selbst darstellen können. Bei den alten Parteien hat man sich längst damit abgefunden und liest Zeitung oder spielt Sudoku. Hätte Birgit ein halbes Jahr  vorher getwittert, wäre die Reaktion gewesen »endlich sagt’s mal jemand«. Im November war die Reaktion »das faule Luder[1] soll halt ihr Mandat zurückgeben, wenn’s ihr zu viel Arbeit ist«.

Der Erfolg der ehrenamtlichen Arbeit all der Piraten, die aus politischer Überzeugung in so vielen anderen Lebensbereichen zurückgesteckt haben, war der Medienberichterstattung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Nun will ich nicht sagen, dass bei den Piraten keine Fehler gemacht wurden, ganz im Gegenteil, aber es war unmöglich diese Fehler auszubessern. Als etwa Johannes Ponader im Amt war, übertönte die Berichterstattung um seine Person all die gute Arbeit, die von den Piraten auf breiter Front geleistet wurde. Als er zurücktrat kam aber weder diese Arbeit zum Vorschein, noch gab es »Piraten haben Streit hinter sich gebracht«-Artikel, sondern nichts.

Das faszinierende war: als viele Piraten diese Kritik an den Medien lautstark kundtaten, schrieben die einfach jede Schuld von sich. Es gab »Piraten wälzen eigene Fehler auf Medien ab«-Artikel und wenn ich mein privates Umfeld wieder als Beispiel nehmen darf sind die auch super verfangen. Die Reaktionen, die ich bekam waren alle nach dem Gusto: »Hört mal auf den Medien die schuld an eurem Versagen zu geben. Die sind gar nicht schuld, haben sie selbst gesagt.«

Und hier schließt sich der Kreis zu den neuen Montagsdemos. Auch hier liest man wieder wie Medien darüber schreiben, wie böse doch die Medienkritik der Leute dort ist. Und die fühlen sich davon natürlich bestätigt und haben die Medien längst abgeschrieben. Und so kommt es, dass die Querfront-Strategie der neurechten (wie schon bei der AfD) aufgeht. Da stehen Leute, die mit Nazis eigentlich nichts am Hut haben wollen, mit rechten Verschwörungstheoretikern auf einer Demo und dieser Fakt kommt bei denen nicht an, weil sie den Medien, die sie über die rechten Verschwörungstheoritiker aufklären sollten, keinen Glauben mehr schenken.

Der Effekt, den wir hier sehen, ist ähnlich dem was Fox News in den USA ausgelöst hat. Die Leute meckern gegen Mainstream-Medien und begeben sich in die Filterblase von Fox News, in der sie ständig mit als »konservativ« getarnter Rechtsaußenpropaganda bombadiert werden. Nur das die Rolle von Fox News hierzulande diverse Social-Media-Outlets übernehmen (und die Rolle der Teaparty die AfD).

Das liegt nicht zuletzt daran, dass es in den deutschen Medien keinerlei Selbstkritik gibt. Sie haben selbst aus der Tatsache, dass sie von den Menschen für korrupter gehalten werden als Parlamente, nichts gelernt. Und man kann nun mal nicht verneinen, dass man in allen großen Zeitungen im Wesentlichen das Gleiche liest und dass das was man liest halt gefärbt ist. Auch die Berichterstattung über die Ukraine, die von den neuen Montagsdemonstranten angeprangert wird, war es und dabei ist es alles andere als schwer das neutral zu machen.

Das heißt jetzt natürlich nicht, dass man Putins Politik jetzt plötzlich gut heißen soll. Deswegen möchte ich an dieser Stelle diesen Artikel mit einem Appel an all diejenigen Menschen beenden, welche die neuen Montagsdemos unterstützen. Als jemand, der die Schattenseite der modernen Medienberichterstattung erlebt hat: Bitte lasst euch in eurem Wunsch nach Frieden und Freiheit nicht von neurechten Verschwörungstheoretikern vereinnahmen. Informiert euch über die Fakten oder seid zumindest offen dafür, wenn ihr mit anderen diskutiert. Die Welt ist nicht schwarz/weiß.


[1] Wörtlich von einer Boulevard-Zeitung so verwendeter Ad-Hominem-Angriff aufgrund eines älteren Tweets