Bild: CC-BY-NC-SA Andreas Levers

Bild: CC-BY-NC-SA Andreas Levers

Es gibt Themen mit denen will ich mich eigentlich gar nicht beschäftigen und die Causa Sarkeesian ist eines davon. Man kann sich eigentlich nicht in diesem Shitstorm begeben ohne etwas von der Scheiße abzukriegen. Dennoch, die Sache ist in den vergangenen Tagen ziemlich hochgekocht und wer mich kennt weiß, dass Computerspiele für mich der originäre Grund waren politisch aktiv zu werden. Ich komme daher nicht darum herum mir an dieser Stelle einige Sachen von der Seele zu schreiben. Das wird sicher nicht jedermanns Meinung widerspiegeln, aber tut mir den Gefallen den Text ganz zu lesen, bevor ihr zum erbosten Comment greift.

Der Gegenstand der Debatte

Zuerst möchte ich an dieser Stelle die Arbeit von Anita Sarkeesian aus meiner Sicht beschreiben. Für alle die sie nicht kennen: Sarkeesian bezeichnet sich selbst als »pop culture critic«. Das bekannteste Projekt, dass sie in dieser Tätigkeit betreibt, ist ein Videoblog mit dem Namen »Feminist Frequency«, dessen bekannteste Serie wiederum den Namen »Tropes vs. Women« trägt. Darin beschreibt sie Tropes (quasi erzählerische Motive), die ihrer Ansicht nach Geschlechterklischees und Sexismus beinhalten. Für eine Subserie mit dem Namen »Tropes vs. Women in Videogames«, sammelte sie 2012 in einer Kickstarter-Kampagne die stattliche Summe von 158.922 US$. Auf diese Serie will ich mich im Folgenden im Wesentlichen beschränken. Wichtig ist festzuhalten, dass was Sarkeesian macht, am ehesten mit einem Game Review vergleichbar ist, nur halt nicht für ein einzelnes Spiel, sondern auf einer Metaebene. Auch wenn es manchmal den Anschein erweckt, die Serie ist keine wissenschaftliche Untersuchung. Ich gehe aufgrund ihrer Selbstbezeichnung als »pop culture critic« auch davon aus, dass es das gar nicht sein soll.

Um es gleich vorweg zu sagen, »Tropes vs. Women« hat bei mir schon immer gemischte Gefühle ausgelöst. Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es in Computerspielen (wie in allen anderen künstlerischen Medien) Geschlechterklischees gibt und das auch nicht zu knapp. Und die Beispiele, die sie für manche Tropes sammelt, sind durchaus interessant in diesem Kontext zu betrachten. Leider geht »Tropes vs. Women« weit über die einfache journalistische Zusammenstellung dieser Beispiele hinaus. Sarkeesian packt immer noch eine politische Botschaft mit rein (die häufig deckungsgleich der modernen feministischen Ideologie ist). So verbreitet sie unter anderem auch, das bereits in der Killerspieldebatte zu Tode gerittene Argument, dass Gewalt (und damit auch sexistische Gewalt etc.) in Videospielen sich auf das Verhalten im Meatspace abfärbt; trotz aller gegenläufiger wissenschaftlicher Evidenz.

Gleichzeitig wirken gerade in den jüngeren Folgen viele ihrer Argumente einseitig, aus der Luft gegriffen oder aus dem Zusammenhang gerissen. Zum Teil ist die Darstellung der Sachverhalte so verzerrt, dass man als Gamer ständig dazu verleitet ist den Kopf auf die Tischplatte zu knallen. Das Problem ist, dass es so aufbereitet ist, dass es für Leute, die sich mit Games weniger auskennen, vollkommen plausibel klingt[1].

Und genau hier bin ich unweigerlich an die Killerspieledebatte erinnert. Jemand kommt von außen, verbreite ein paar verdrehte Halbwahrheiten über mein Hobby und untermauert damit seine politische Agenda. Damals waren es Leute wie Christian Pfeiffer und CSU, heute ist es Anita Sarkeesian, die ja auch selbst gesagt hat, dass sie kein Gamer ist, sondern halt ein Kritiker von allen möglichen Formen von Populärkultur. Dies ist natürlich nicht von sich aus böse, aber es verwundert nicht, dass das Ergebnis bei Gamern halt auf Unverständnis stößt. Und so muss ich leider am Ende der Debatte festhalten, dass was Sarkeesian macht aus meiner Sicht eben nicht einfach nur eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Computerspiele ist, sondern schon an Verurteilung und Diffamierung grenzt.

Die Reaktionen

Einige Leser werden den kompletten ersten Abschnitt lang wohl schon mit den Fingern über die Tastatur scharren und ihre Kommentare im Kopf zurechtbasteln, denn eigentlich geht es ja gar nicht um »Tropes vs. Women«, sondern um die Reaktionen darauf. Sarkeesian wurde spätestens seit der Kickstarter-Kampagne massiv angefeindet: Hatemail, Doxing, anonyme Gewaltdrohungen, die ganze Bandbreite. Es ist verdammt traurig, dass es Leute gibt, die sich auf ein so tiefes Niveau begeben und bei aller lieber zum Internet dürfen wir nicht vergessen, dass es auch diese hässlichen Seiten der Gesellschaft zum Vorschein bringt.

Wenn wir einmal hinter diese Kulissen schauen, dann ist dieses Verhalten leider viel alltäglicher als wir uns eingestehen wollen. Jeder der etwas kontroverses sagt oder tut, kriegt Angriffe ab und  wenn es kontrovers genug ist und die Person damit auch entsprechend Reichweite generiert kommen irgendwie immer die paar Vollhonks, die unbedingt über die Stränge schlagen müssen. Ja, Twitter, Facebook und Foren sind immer wieder voll von Häme, Spott und Beleidigungen. Geschenkt. Wer das nicht aushält darf sich nicht in Kreuzfeuer begeben. Politiker und andere Personen öffentlichen Lebens müssen damit schon immer zurecht kommen. Papst Benedikt hielt sicher auch nicht viel von dem »Fanta«-Titelbild der Titanic. Und dennoch gibt es eine Grenze und die ist mit Doxing und Gewaltandrohungen eindeutig überschritten.

Wenn ihr mich fragt wie man dagegen vorgehen soll, muss ich sagen: ich weiß es nicht. Die Gaming-Industrie sah sich genötigt in der Causa Sarkeesian einen offenen Brief zu schreiben und das Selbstverständliche zu fordern. Das ist zwar ein schönes Symbol, aber es wird fruchtlos bleiben. Denn selbst wenn 99,99% der Menschen die Grenzen respektieren, gibt es bei einer Million Rezipienten immer noch 100 Arschlöcher. Und so gibt es leider immer wieder Fälle in denen Leute, die Kontroversen aufmachen, sich dieser Form des Hasses erwehren müssen. Und diese Fälle überschreiten Grenzen, egal ob Feministin oder Männerrechtler, egal ob Atheist oder Kreationist, egal pro life oder pro choice. Solang die Kontroverse nur groß genug ist findet sich auf der einen oder anderen Seite immer ein Arschloch.

Und dennoch ist die Sache bei Anita Sarkeesian etwas anders. Nicht dass die grenzüberschreitenden Angriffe gegen sie entschuldbar wären, aber der Umfang der Berichterstattung darüber ist größer als sonst. Dabei hätte man schon länger ein Beispiel gehabt. Der konservative Anwalt Jack Thompson, der sich zum Ziel gemacht hatte alle »Obszönitäten« (Gewalt & Sex, aber natürlich auch Homosexualität) aus den Medien zu verbannen, hatte ebenfalls Computerspiele auf seine Abschussliste gesetzt. Er bekam einen Backlash ab, der die Angriffe aus Sarkeesian sogar noch in den Schatten stellen dürfte. Die Reaktion in der Öffentlichkeit in den USA war außerhalb der konservativen Haus- und Hofmedien eher verhalten, hierzulande haben es wohl eher die wenigsten mitbekommen. Das verwundert jetzt nicht unbedingt, ein bigotter Homohasser kann halt selten auf Sympathien hoffen.

Bei Sarkeesian ist die Sache anders. »Spielekritikerin wird von ein paar Hatern angegriffen« wäre wohl keine Nachricht wert, aber da es ja in ihrer Arbeit um Sexismus geht, lässt sich damit die schöne »Die böse sexistische Gaming-Community greift eine unschuldige feministische Spielekritikerin an«-Story aufmachen. Und hier beginnt dieses Knäuel an Wechselwirkungen, die diese ganze Sache für mich so nervenaufreibend macht. Die Tatsache, dass Gamer schon wieder für das Fehlverhalten einiger weniger in Sippenhaft genommen werden ist da nur der Anfang. Die Medien ziehen diese Story auf und Sarkeesian nickt zustimmend, da es ja in ihr Narrativ passt.

Gleichzeitig profitiert Anita Sarkeesian massiv über die Berichterstattung über die Angriffe gegen sie. Wahrscheinlich mache ich mich jetzt damit unbeliebt, aber die Fakten sprechen hier für sich. Nachdem sie die Angriffe gegen sich publik gemacht hat, gab es einen gewaltigen Finanzierungsschub für ihre Crowdfunding-Kamapgne. Es hat auch ein »Geschmäckle«, dass eine ihrer ersten Reaktionen, nachdem sie auf Twitter die jüngsten Angriffe publik gemacht hat, war, um Geld zu bitten. Sie bekommt auch eine Menge Medien-Aufmerksamkeit, aber nicht für ihre Arbeit in »Tropes vs. Women«, sondern wegen der Angriffe gegen sie. Es haben sicher mehr Leute über die Anfeindungen über sie gehört, als das tatsächliche Video gesehen haben.

Es ist nicht wirklich verwunderlich. Opfer von solchen Angriffen genießen die Sympathie der meisten Menschen und die Pledges für Sarkeesians Projekt waren wohl eine Form von »jetzt erst recht«. Aber sie wäre ohne den ganzen Backlash bis hin zur widerlichsten Ausprägung heute einfach nicht dort wo sie ist. Es ist abstrus, aber wenn man sich die Sache nicht gerade mit Scheuklappen anschaut nicht wirklich zu verneinen.

Diese Situation macht es jetzt nicht nur schwer bis unmöglich den Leuten zu widersprechen, die gerne von »professional victimhood« sprechen, es ist leider auch – wie so häufig bei der »Qui Bono?«-Frage – ein Nährboden für die Verschwörungstheorie, dass Sarkeesian die Drohungen inszeniert hat. Und ja, ich weiß dass es in der feministischen Szene leider Fälle von inszenierten Drohungen gibt, aber die »Beweise« in diesem Fall sind extrem dünn und wie gesagt: man muss es nicht inszenieren, irgendwann kommt immer ein Arschloch um die Ecke.

Die ganze (gerechtfertigte) Solidarisierung mit Sarkeesian, hat nun leider wiederum den Effekt, dass die sachliche Debatte darunter leidet. Menschen solidarisieren sich nämlich nicht nur mit Sarkeesian, sondern auch mit dem Projekt, für dass sie vermeintlich angegriffen wird. Und so kommt es zu dem Effekt, dass die ungerechtfertigten Ad-Hominem-Angriffe auf sie, dazu führen, dass auf der andern Seite eine ungerechtfertigte Ad-Hominem-Verteidigung gibt. Alle inhaltliche Kritik an »Tropes vs. Women in Video Games« wird mit den Ad-Hominem-Angriffen in einen Topf geworfen. Es gibt eine ellenlange Liste an inhaltlicher Kritik zu Sarkeesians (in Ermangelung einer besseren Bezeichnung) Vorwürfen. Manche davon sind qualitativ eher schlecht, wie z.B. das gängige Tu-quoque-Argument »Aber du hast doch auch Ohrringe!«, aber es gibt auch richtig gute und sie alle kommen ohne persönliche Angriffe aus. Aber man liest nichts davon, dass Sarkeesians Arbeit kontrovers oder umstritten ist.

Das führt wiederum dazu, dass es zwei vollkommen verschiedene Sichtweisen darüber gibt, wer in diesem »Kampf« nun eigentlich der David und wer der Goliath ist. Auf der einen Seite Anita Sarkeesian, die einsame Streiterin für Gleichberechtigung, die sich gegen eine Schar sexistischer Gamer stemmt. Auf der anderen Seite die Gamer, die keine 160.000 Kickstarter-Dollar haben und nur auf Masse setzen können, aber in dieser Masse mit den Hatern sofort in einen Topf geworfen werden. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen

Fazit

Der Kern des Ganzen, was ich mit diesem sperrigen Text sagen will, ist, dass es sich diese Debatte für mich nicht einfach in ein eindimensionales Schwarz-Weiß-Schema pressen lässt. Es ist wie schon gesagt viel mehr ein Knäuel. Dennoch will ich zum Abschluss dieses Textes den (vielleicht zum scheitern verurteilten) Versuch unternehmen das wichtigste in drei Stichpunkte zusammenzufassen:

  • Wie bei allen kontroversen Debatten im Internet wird auch bei der Debatte um Games niemand mit Samthandschuhen angefasst. Aber es gibt Grenzen (die einem Teil vielleicht etwas hochgesteckt vorkommen) aber von den allermeisten respektiert werden. Es ist nicht ok Gamer für das Fehlverhalten einzelner in Sippenhaft zu nehmen.
  • Doxing und Gewaltdrohungen gegen jeden Menschen, das heißt explizit auch gegen Anita Sarkeesian, sind inakzeptabel. Dennoch darf Kritik an ihrer Arbeit geübt werden.
  • Es gibt Geschlechterklischees und Sexismus in Computerspielen und anderen Medien und eine Debatte darüber zu führen ist berechtigt. Diese Debatte profitiert aber meines Erachtens nach mehr von Beschäftigung mit dem tatsächlichen Inhalt, als von der Beschäftigung mit den Leuten, die an der Debatte teilnehmen.

 


[1]Ich könnte das jetzt hier im Detail ausführen, aber das würde den Artikel etwas sprengen und ist IMHO auch schon quer durchs ganze Netz zur Genüge getan worden.