Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll. Seit 14 Jahren gibt es nun Filesharing und seit Mitte des letzten Jahrzehnts kriegen die Nutzer und gar das Netz selbst in der ganzen Welt die geballte politische Faust ins Gesicht: DMCA, HADOPI, ACTA, SOPA, PIPA, IPRED, IPRED2, VDS – ich weiß nicht wie viele großbuchstabige Abkürzungen hier noch fehlen. Seit Jahren wehren wir uns, führen Debatten und handfesten Streit miteinander. Die große Politik hat uns geflissentlich ignoriert, nur mit den Verwerterlobbys gesprochen und schließlich die Quittung bekommen. Die Piraten entern die Parlamente und über hunderttausend Menschen froren sich die Zehen bei den ACTA-Demos ab. Kalte Füße bekommen jetzt aber nun die ganzen Lobbys. Auf der Seite des Verbands deutscher Drehbuchautoren (der übrigens Mitglied der berüchtigten Deutschen Content Allianz ist) gibt es einen offenen Brief von 51 Tatort-Autoren, der sich wohl in die lange Tradition hinter Heveling und Regener einreihen wird.

Der Brief endet mit den markigen Worten:

Für konstruktive Gespräche über den anstehenden historischen Kompromiss zwischen Urhebern und Usern stehen wir jederzeit bereit.

Sorry, liebe Tatort-Autoren, aber euer Brief zeigt eindeutig, dass ihr eben nicht für eine konstruktive Debatte bereit seid. Ihr sprecht von den Lebenslügen, denen sich Piraten, Grüne, Linke und Netzgemeinde stellen müssten. Aber ihr habt euch selbst nicht im geringsten auf die bisherige Debatte eingelassen und seid nicht gewillt euch euren eigenen Lebenslügen zu stellen.

So schreibt ihr, es gehöre zu den »liebevoll gehegten Lebenslügen der Netzgemeinde«, dass das »Grundrecht«(sic!) auf ein Urheberrecht zur politischen Disposition steht. Tut mir leid euch das sagen zu müssen: Jedes Gesetz steht zur politischen Disposition. Die Politik (und damit die Gesellschaft) macht die Gesetze, deswegen machen wir den ganzen Mist. Willkommen in der Demokratie.

Und mal ehrlich, ihr bietet uns eine Diskussion über das Urheberrecht an, aber sagt im gleichen Zug, dass das Urheberrecht nicht zur Disposition steht. Das ist genauso schizophren wie die Kanzlerin, die 2008 in ihrem Podcast sagte:

Ich weiß, dass wir eine gesellschaftliche Diskussion brauchen, die deutlich macht: Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt.

Über sowas kann ich nur den Kopf schütteln. Ihr und eure Lobby-Vereine habt euch bisher auf keine Diskussion eingelassen. Ihr habt bei Merkel und Co. für Netzsperren, Three-Strikes, Vorratsdatenspeicherung und anderen Dreck geworben und wolltet die Netzgemeinde, die ihr jetzt so knackig anschreibt, ins Messer laufen lassen. Und jetzt wo ihr merkt, dass der Protest euch bis zum Hals steht, bietet ihr uns eine Diskussion an, deren Ausgang für euch bereits feststeht? Sorry, aber wenn das Ergebnis bereits festgelegt ist, dann ist es keine Diskussion, sondern Propaganda.

Und bei aller Wut über euren anmaßenden Text: Wir sind gerne zu einer Diskussion bereit. Wir führen diese Diskussion schon seit Jahren, auch mit Urhebern, auf beiden Seiten. Aber das klappt nicht wenn ihr euch mit eurer Deutschen Content Allianz dem Stereotyp der fortschrittsfeindlichen Alt-Urheber hingebt.

Für eine gemeinsame Diskussion gibt es im wesentlichen drei Grundlagen:

1. Keine Kampfbegriffe und Totschlagargumente

Es gibt weder Raubkopien, noch gibt es geistiges Eigentum. Ihr mögt da anderer Meinung sein und das ist euer gutes Recht. In einer Diskussion mit uns™ müsst ihr aber akzeptieren, dass wir dies anders sehen. Für uns steht das Urheberrecht eben (zumindest in Teilen) zur Disposition und damit zur Diskussion.

Um das nochmal zu betonen: Keiner spricht die Wichtigkeit und Schutzwürdigkeit der kreativen Arbeit ab. Wir sind nur der Meinung, dass Art und Umfang des Schutzes eben nicht in geistigen Eigentumsstein gemeißelt sind, sondern Ergebnis einer offenen politischen Diskussion sein müssen.

2. Wir akzeptieren keine Einschränkung der Freiheit (im Netz) für wirtschaftliche Interessen

Die individuelle Freiheit ist für uns ein sehr hohes Gut. Insbesondere das Internet, dass dieser Freiheit eine völlig neue Dimension gegeben hat, ist schützenswert. Es ist ein Medium, das uns bisher unbekannte Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung gibt. Wir haben diese Freiheit genossen und wir werden nicht akzeptieren, dass sie für kommerzielle Interessen eingeschränkt wird, nicht für die von Google oder Apple, nicht für die der Internet-Service-Provider (Stichwort: Netzneutralität), nicht für die der Zeitungsverlage und eben auch nicht für die von Programmierern, Musikern oder Drehbuchautoren.

Alle Maßnahmen, die bisher vorgeschlagen wurden, um das aktuelle Urheberrecht vollumfänglich durchzusetzen, sind mit massiven Einschnitten in diese Freiheit verbunden (vgl. Aufzählung in der Einleitung). Filesharing von urheberrechtlich geschütztem Material mag für euch ein banaler Rechtsverstoß sein. Aber in den privaten Datenverkehr einzugreifen um wirtschaftliche Interessen einzelner Gruppen durchzusetzen ist für uns nun mal keine banale Notwendigkeit sondern schlicht und ergreifend inakzeptabel, weswegen wir das mit dem Rechtsverstoß eben politisch hinterfragen.

Oder um es mit den Worten des Musikers Jonathan Coulton zu sagen:

I believe in copyright. I benefit from it. I don’t want it to go away. I love that we have laws and people to enforce them. But if I had to give up one thing, if I had to choose between copyright and the wild west, semi-lawless, innovation-fest that is the internet? I’ll take the internet every time.

Statt also die Risiken der umfassenden Datenkontrolle zu akzeptieren, gehen wir den anderen Weg und wollen die Chancen der freien Verfügbarkeit von Werken im Netz nutzen. Wenn ihr also darüber diskutieren wollt, wie die Politik verhindern soll, dass Nutzer nicht-kommerziell Inhalte verbreiten, dann seid ihr bei mir falsch. Wenn ihr aber darüber reden wollt, wie kreative Arbeit dennoch finanzierbar bleibt, dann seid ihr bei mir richtig. Das bringt mich zu Punkt 3.

3. Die Gesellschaft ist keinem Urheber ein Geschäftsmodell schuldig

Erwartet bitte nicht, dass die Gesellschaft / die Politik euch das Geschäftsmodell liefert. Die Politik entscheidet lediglich über die Rahmenbedingungen (eben das Urheberrecht). Wir können aber keinen Geldhahn aufdrehen, unter den ihr nur den Hut halten müsst. Wie ihr schlussendlich euer Geld verdient, müsst ihr selbst wissen, das kann euch die Politik nicht abnehmen. Einfach nur ein Werk schaffen reicht nicht, ihr müsst es auch vermarkten. Oder um nochmal Jonathan Coulton zu zitieren:

making money from art is not a human right

Wenn ihr der Meinung seid euer aktuelles Geschäftsmodell klappt nicht mehr, dann überlegt euch ein neues und sagt uns, was wir am Gesetz besser machen können, damit die Bedingungen für euch besser werden. Und wenn ihr glaubt, dass es mit nicht-kommerziellem Filesharing kein Geschäftsmodell mehr gibt: Lasst euch das nicht einreden, es gibt immer gute Ideen. Ihr seid Drehbuchautoren, ihr könntet doch vielleicht mal versuchen für Produktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu schreiben *hust*.

Das sind also die drei grundlegenden Punkte. Und ich werde mir das nächste Mal wenn jemand den Regener macht ohne diese Punkte zu beachten auch den Dialog schenken. Natürlich könnt ihr da anderer Meinung sein, liebe Tatort-Autoren – was ihr wohl auch seid, wenn man euren Text so ließt. Aber dann seid wenigstens ehrlich und sagt, dass ihr die Nutzer drangsalieren wollt und erzählt nach all dem, was die Lobby-Arbeit der Vereine aus eurer Deutschen Content Allianz bisher angerichtet hat, nicht, dass ihr für eine konstruktive Diskussion bereit seid.

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